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Nachruf auf Walter Steiner

 

Wulf Kirsten

Paul-Schneider-Straße 11

D-99423 Weimar

 

Jetzt habe ich keinen mehr mit dem ich so intensiv über diese unsere Stadt reden kann wie mit Dir. So schwer es mir auch wird, Dir ein paar Worte des Gedenkens nachzurufen, in meiner Erinnerung wie der all Deiner Freunde lebst Du fort.

Liebe Ute Steiner, liebe Familienangehörige, liebe Freunde Walter Steiners, verehrte Trauergemeinde,

auch wenn sich noch so heftig alles in mir sträubt, zur Kenntnis nehmen zu müssen, daß sich unser über Jahrzehnte geführter, fast immer einverständiger Dialog nicht mehr fortsetzen läßt, müssen alle seine Nächsten seine Freunde, unter ihnen auch ich nun damit fertigwerden, daß alle ärztlichen Rettungsversuche vergeblich waren. Der Körper zu geschwächt. Die nach dem ersten Eingriff aufgeflammte Hoffnung für alle, die um sein Leben bangten, ist zunichte von dem unerbittlichen Trennstrich, der kein menschliches Leben unendlich sein läßt.

Jetzt bleibt nur der Trost, seiner in Liebe, in Freundschaft, die auf langwährender Verbundenheit beruht, zu gedenken. Ich will versuchen, aus meiner Erinnerung ein Bild zu entwerfen, das das Außergewöhnliche seiner Persönlichkeit kenntlich macht. Im Unterzug meines Textes wird jeder der Anwesenden sein Bild von Walter Steiner ergänzend, um weitere Facetten bereichernd, mitlaufen lassen.

   Uns einte vor allem, anhaltend, immer wieder aufs neue, wie oft man sich auch vornahm, auf Distanz zu gehen, in kritischer Liebe mit dieser Stadt verbunden zu sein. Wobei Walter Steiner ein immenser Beziehungsreichtum, die vielfältigsten, reich assortierten, aber doch zu einer Lebens-Einheit verwobenen Interessen eine stabile Grundierung gaben. Mit dieser breit gefächerten Schwingungsamplitude erwies er sich dann im letzten Dezenium seines Arbeitslebens als idealer Leiter des Stadtmuseums.

Zu den lebensbereichernden Beziehungen, die weit über sein spezielles Fachgebiet, die Geologie, hinausgingen, kam hinzu, daß alle seine Aktivitäten auf Bewahrung im Kleinen wie im Großen abzielten. Aus diesem Impetus entstanden lebenslange Passionen eines Chronisten, der alles, was er erlebte, was um ihn herum geschah, festzuhalten bestrebt war. In keiner der vielen von ihm besuchten kulturellen wie wissenschaftlichen Veranstaltungen war er ohne Fotoapparat zu denken. Da muß ein immenses Depot entstanden sein. Es dürfte sich neben den Beiträgen zur Stadtgeschichte wohl ebenso um eine auf Universalität angelegte Lebensgeschichte handeln.

Zu den Passionen zählt aber ebenso das Sammeln von mindestens weimarlastigen Nachrichten. Zur dritten, vielleicht wichtigsten Säule des unentwegten Dokumentierers zählen aber seine Tagebuchnotizen. Nicht genug damit, erprobte er sich auch als Zeichner und Maler. Ich habe dabei eine erstaunliche künstlerische Entwicklung beobachten können. Über den Ausgangspunkt, ein perfekter Architekturzeichner zu sein, kam er mit zunehmendem Alter immer sensibler darüber hinaus. Und wahrscheinlich habe ich nur bescheidene Proben kennengelernt in zwei kleinen lokalen Ausstellungen.

Aber ebenso in den mir seit den achtziger Jahren zugedachten Briefschaften nebst beigefügten grafischen Arbeiten. Ich weiß von der Zusammenarbeit mit dem Litho-Drucker Horst Arloth der diesem Metier lebenslang bis ins hohe Alter oblag und dabei in Fachkreisen einen legendären Ruf erwarb. Nach seiner Pensionierung kehrte der Niedergrunstedter Horst Arloth nach Weimar zurück. Ungewöhnlich war überhaupt, mit wie vielen Persönlichkeiten, mit wie vielen Lebenskreisen Walter Steiner freundschaftlich verbunden war.

Und mit welcher Verehrung, Wertschätzung, Anteilnahme und Respekt vermochte er über die Leistungen anderer zu sprechen. So wurde er nicht müde, seinen Lehrer, den Architekten und Kunsthistoriker, Hermann Weidhaas, der ihn entscheidend prägte, zu rühmen, verehrend fortleben zu lassen in unserer kleinen, auf Rotwein abonnierten Runde der „Scheiche“, in die Weidhaas einst Walter Steiner integriert hatte, so wie mich späterhin Eberhard Haufe.

So brachte mir Walter Steiner eine ganze Reihe von Personen, die auf ihre Umgebung ausstrahlten, menschlich nahe. Wobei es da stets um überdurchschnittliche Leistungen ging. Ohne in der Lage zu sein, diese Fülle auszubreiten, möchte ich doch allen voran den legendären Georg Renner nennen, mit dem ihn gemeinsame Hochgebirgstouren verbanden und um den er sich bis in seine letzten Lebensjahre kümmerte und ihm Ende 2010 die Trauerrede hielt.

Ich denke an Gespräche mit und über Dietrich Mania, Hartmut Wenzel, Manfred Salzmann, der als Botaniker und Landschaftskenner für so viele Weimarer als Wandergruppenleiter durch thüringische Gefilde ein verehrtes Vorbild wurde. Ich höre Walter Steiner von Otfried Wagenbreth reden. Beide waren sich in vielem so ähnlich.

Von seinem Lehrer Fritz Schirmer, Halle, ging die Rede, der über den Weimarer Schriftsteller Konrad Weichberger schrieb. Auch ein Rückkehrer, der seine letzten Lebensjahre unter armseligsten Bedingungen im 1964 abgebrochenen Torhaus an der Kegelbrücke verbrachte. Auch der Maler Eberhard Steneberg gehört in diesen Kreis. Ich könnte fortfahren, doch ich breche ab. Das Leben als Fülle, als Reichtum, von dem mir so viel bereichernd abgegeben wurde.

Auch meine Kenntnisse von den Besonderheiten des Ettersberges als geologisches Faszinosum wie als geschichts-überladenen Höhenrücken über der Stadt haben aus den Gesprächen und Bergbegehungen mit ihm entschieden gewonnen.

Am intensivsten ließ sich der Geologe die Parkhöhle angelegen sein, so daß sie für ihn zu einem Lebensmittelpunkt wurde. Als dies in klassischen Zeiten von Ilmenauer Bergleuten in harter Arbeit geschaffene unterirdische Bauwerk tatsächlich noch ein Höhlensystem war, erforschte er es mit Hilfe eines Bäckermeisters, maß es auf, fixierte diese von wahrer Besessenheit zeugende Arbeit in einer ausführlichen Darstellung. In den Jahren, als die Höhle mit immensen Kiesmengen verfüllt worden war, fanden hin und wieder Exkursionen statt, die nur auf allen Vieren robbend zurückgelegt werden konnten. An einer dieser abenteuerlichen Abendveranstaltungen war ich beteiligt. Mit welchem Aufwand und mit welcher Leidenschaft setzte sich Walter Steiner in den neunziger Jahren dafür ein, die Höhle von dem verfüllten Baumaterial wieder zu befreien und ein Denkmal entstehen zu lassen, das Weimar ein ebenso originäres wie originelles Museum hinzufügte.

  So weitverzweigt allein schon die Aktivitäten in und um Weimar waren, wahrlich ausreichend, ein Leben auszufüllen, gehörte zu seinen Passionen – vielleicht sogar an erster Stelle zu nennen – sein Hochgebirgsfernweh. Weimar als zentraler Lebensort verband sich für ihn ganz selbstverständlich mit Welthunger. Angesichts der bis 1989 bestehenden Restriktionen wurde um so intensiver, ausschließlicher das wahrgenommen, was ungeachtet aller bürokratischen Hemmnisse irgend erreichbar war. Wobei sich vor allem der des Russischen mächtige und im Umgang mit russischer Bürokratie erfahrene Georg Renner bewährte. So schloß sich Walter Steiner unter anderem Exkursionen, Expeditionen nach Zentralasien, in die Mongolei, in den Kaukasus an. Auch hier vermag ich nur verkürzend andeuten. Sein Bericht „Auf den Gletschern des Pamir. Ein geologisches Abenteuer“ vermittelt einen lebendigen Eindruck von der Landschaft wie von den Strapazen, die die Teilnehmer auf sich nahmen.

Aus gemeinsamen Erlebnissen weiß ich lediglich von bescheidener dimensionierten Wanderungen zu berichten. Von einer frühherbstlichen Gruppenfahrt mit Karl-Heinz Bochow und Eberhard Haufe ins Slowakische Paradies 1984, fotografisch überliefert von Walter Steiner. Nach 1990 erkundeten wir zu zweit die Nebentäler der Elbe bis in die bescheidenen Höhenzüge hinauf, auf der Suche nach gemeinsamen Erinnerungspunkten in Wilsdruff und Umgebung, eine der frühen Stationen des Flüchtlingsjungen aus Böhmisch-Leipa. Wir fuhren und liefen durch das Dresdner Hinterland, machten unterwegs hie und da Station wie in Nossen oder Altzella, ehe wir uns wieder Richtung Weimar begaben, in die heimisch gewordenen Gefilde.

Wenn es nun gilt, Abschied zu nehmen, Rückblick zu halten, wenigstens einige Punkte dieses so reich facettierten Lebens aus freundschaftlicher Nähe, die immer auch jene Distanz einschloß, die dem Gegenüber individuelle menschliche Würde gewährte, so war ich bemüht, ein Porträt zu zeichnen, das ihm gerecht wird und ihn kenntlich macht.

Für mich gehörte er zu den guten Geistern unserer Stadt. Darunter verstehe ich jene, die sich uneigennützig, leidenschaftlich für das Ansehen der Stadt einsetzen, deren moralisches, ethisches Gewissen wie deren geistig-kulturelle Ansprüche verkörpern, zu denen Weimar verpflichtend herausfordert. Ohne ein hohes Maß an Einsatz, ohne das kommunikative Freundschaftsgeflecht, eine unabdingbare Voraussetzung für Beharrungskraft, wäre der damit verbundene Idealismus nicht denkbar und nicht durchzuhalten gewesen.

Auf völlig unprätentiöse Weise und ohne professorales Gehabe verbanden sich für ihn naturwissenschaftliche Kenntnisse mit kulturellen Belangen. Als Schriftsteller, der sich kein fachwissenschaftliches Urteil anmaßt, kann ich jedoch sagen, daß es ihm darauf ankam, geologisches und archäologisches Wissen auch für nicht Ausgebildete transparent, verständlich zu machen. Geschichte der Naturwissenschaft wußte er in uns widerfahrene Geschichte einzubetten und mit ihr zu verknüpfen.

So wie er Verbindungslinien zwischen Natur- und Kulturgeschichte, zwischen Stadtgeschichte und kultureller Gegenwart herzustellen wußte, wirkte er dank ungewöhnlicher interdisziplinärer Aufgeschlossenheit weit über das Weichbild der Stadt hinaus. Man mußte es nur wahrnehmen und wahrhaben wollen. Die Satzung des Weimarpreises, an der ich im vorigen Jahrhundert mitgearbeitet habe, erfüllte er auf geradezu ideale Weise.

Alle meine Vorschläge, ihm diesen Preis zuzuerkennen, wurden jedoch in den Wind geschlagen. Als Abschiedsgruß lese ich drei Gedichte in landschaftlicher Verbundenheit. Mit Schauplätzen wie Schafholzweg über Blankenhain, die sorbische Brandrodung Spaal zwischen Großkochberg und Weitersdorf. Sein Dorf Drößnitz über dem Reinstädter Grund läßt sich dabei leicht als Weltmittelpunkt denken.

Lieber Walter, für mich wie für alle Deine Freunde bist du zu früh aus dem Leben gegangen.